Gedächtnisprotokoll zum Vortrag von Dr. Rolf Schulte am 20. März 2015 im Giekauer Pastorat

von Jan Koberstein
15.04.2015


  Der Vortrag heißt „Hexenverfolgung im protestantischen Schleswig-Holstein“.

  Dr. Rolf Schulte, Historiker aus Kiel, bringt drei Beispiele aus Lütjenburg, Neuhaus und Bendfeld, in denen Frauen teils mit, teils gegen den Rat der juristischen Fakultät aus Rostock verhört, gefoltert und verbrannt wurden. Dorfrat, Stadtrat oder Grafen sind die Prozessführenden. Ankläger bzw. Diffamierende sind oft Mitbürger oder Nachbarn. Arme, alte und alleinstehende Frauen machen die größte Zahl der Verfolgten aus. Sie sind relativ wehrlos und selbst ein Bann aus dem Dorf bedeutet einen Tod auf Raten, da es keinen Sozialstaat gibt. Sind reichere Familienmitglieder „besagt“, wird eher Widerstand gegen die Verfolgung geleistet.

  Die Kirche ist nicht prozessführend, sondern staatliche Gerichte bzw. der Adel für seine Ländereien. Die Kirchen liefern die Argumente, Hexen und Zauberer sowie Zauberinnen zu verfolgen. Nicht wenige Theologen hetzten die Bevölkerung im Gottesdienst auf und bedrängten die weltlichen Regierungen mit ihrem Rat. In der Vorstellung der Kirche im Mittelalter gab es entweder keine Zauberer und Zauberinnen oder sie arbeiteten alleine, während die neue Theologie ab dem 16. Jahrhundert die Hexen erfand und sie als äußerst gefährlich einstufte, da sie im Hexensabbat gemeinsame Kräfte vereinen könnten. Deswegen wird auf die „Besagung“ anderer Hexen beim Verhör großen Wert gelegt. Das konnte leicht zu einer Potenzierung der Hexenprozesse führen und hat in manchen Landstrichen die Bevölkerung um 10 Prozent reduziert. Teilweise wurden dafür Hexenkommissare ernannt.

  Die Hexenverfolgungen fanden nicht im Mittelalter, sondern in der Umbruchzeit der Aufklärung, im 16. bis 18. Jahrhundert, statt. Dr. Schulte konnte anhand eines Diagramms veranschaulichen, dass in der „Kleinen Eiszeit“ die Missernten zu steigenden Roggenpreisen und anschließend zur vermehrten Hexenverfolgung führten. Damit ließen sich Hexen als Sündenböcke verstehen, da sie die Hungersnöte verursacht haben sollten. Mich erinnert das an Brandopfer zur Besänftigung Gottes bzw. der Götter. Auffällig ist, dass in protestantischen Gebieten nur 10 Prozent Männeranteil bei den verbrannten Hexen war, während im Katholischen etwa 25 Prozent Männer betroffen waren. Daraus lässt sich wohl eine besondere Frauenfixierung im Protestantismus erkennen. Viele Argumentationen der Kirche stellen Frauen als besonders teufelanfällig dar.

  Im europäischen Schaubild lässt sich erkennen, dass in Frankreich viele und im heutigen deutschen Raum die meisten Hexenverfolgungen stattfanden. In südlichen Ländern spielte mit der Inquisition die Verfolgung Glaubensabtrünniger eine größere Rolle. Die Ballung in deutschen Landen zeigte sich in speziellen Hexen-Gefängnissen bis hin zu ökonomischeren Hexen-Öfen in Schlesien. Lässt sich daraus eine Kontinuität erkennen, dass im deutschsprachigen Raum Schuldfragen und Reinheitsverletzungen mit gründlicher Vernichtung beantwortet werden? Setzten wir sie fort in den afrikanischen Kolonien mit den Massakern an den Herero und im Holocaust?

  In Rolf Schultes Büchern ist das alles und noch viel mehr nachzulesen:

• Hexenmeister. Die Verfolgung von Männern im Rahmen der Hexenverfolgung 1530-1730 im Alten Reich, Frankfurt u.a. 2000.
• Hexenverfolgung in Schleswig-Holstein vom 16. bis 18. Jahrhundert, Heide 2001.

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